Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um Ihren Besuch bei uns zu verbessern.

Sie sind offline und sehen daher eventuell veraltete Nachrichten.

Sie sind offline, bitte prüfen Sie Ihre Internetverbindung.

Daten konnten nicht für Offline-Nutzung gespeichert werden.

Daten wurden für Offline-Nutzung gespeichert.

Die von Ihnen aufgerufene Adressse ist leider nicht (mehr) verfügbar. Wir haben Sie daher auf unsere Homepage umgeleitet.

Eine neue Version von RBLive steht zur Verfügung:  ↻ Aktualisieren

Von Ullrich Kroemer

Taktikexperte Escher „Nagelsmann denkt restriktiver und flexibler als Guardiola”

„Nagelsmann geht noch einen Schritt weiter”: Taktikexperte Tobias Escher über RB Leipzig Trainer Julian Nagelsmann und Pep Guardiola.

„Nagelsmann geht noch einen Schritt weiter”: Taktikexperte Tobias Escher über RB Leipzig Trainer Julian Nagelsmann und Pep Guardiola.

In dem Buch „RB Leipzig – Der moderne Fußball” (Verlag Die Werkstatt), der Mitte März umfassend erweitert und aktualisiert erschienenen Neuauflage des Vorgängers „Aufstieg ohne Grenzen”, erklärt Taktikexperte Tobias Escher (spielverlagerung.de) was RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann zu einem Vorreiter des modernen Fußballs macht. Buchautor Ullrich Kroemer ist als Journalist auch für RBlive/Mitteldeutsche Zeitung tätig. RBlive veröffentlicht hier exklusiv Auszüge seines Buches.

Ende April erscheint auch Eschers neuestes Buch, das passend zum Thema des Interviews den Titel trägt: „Der Schlüssel zum Spiel. Wie moderner Fußball funktioniert.” (Rowohlt). 

Herr Escher, was bedeutet moderner Fußball für Sie?
Tobias Escher: Den Begriff gibt es ja schon, solange es den Fußball gibt. Vom ,modernen Fußball’ war bereits in der 1950er Jahren im Kicker zu lesen. Der Fußball befindet sich stets im Wandel. Es gab schon immer Trainer und Mannschaften, die den Fußball der Zukunft spielen, noch bevor er bei den anderen Klubs ankommt und zum Mainstream wird.

Zählt Julian Nagelsmann zu dieser Kategorie der modernen Vorreiter?
Ja. Er ist ein Trainer, der sehr viel neu denkt, der weit weg ist von Kategorien, die wir in der Taktikanalyse lange verwendet haben. Mit Einordnungen wie Konter- oder Ballbesitzmannschaft kann er gedanklich wenig anfangen, er denkt sehr ganz- und einheitlich. Das ist modern.

Was ist modern und wegweisend am RB-Fußball unter Nagelsmann?
Das Spannende an ihm ist, dass er sehr flexibel denkt. In allen Bereichen. Das beste Beispiel sind die ständigen Änderungen der Grundformationen, die ständige Anpassung, wie sich die Spieler auf dem Feld anordnen. Er ist da überhaupt nicht dogmatisch und hat auch keine Stammvariante, sondern er passt das immer an das jeweilige Spiel, an den jeweiligen Gegner an. In Leipzig kommt das bisher noch nicht so stark zum Tragen wie in Hoffenheim. Er zieht seinen Stil bei RB, das Ballbesitzspiel, nicht ganz so gnadenlos durch wie zuvor bei der TSG. Auch in puncto Flexibilität traut er der Mannschaft noch nicht so viel zu, die ständigen Formationswechsel wie in Hoffenheim sieht man noch nicht.

„RB Leipzig – Der moderne Fußball” ist ein Mix aus Vereinschronik und thematischem Sachbuch über die Rolle von RB Leipzig als Prototyp des modernen Fußballklubs. Zu Wort kommen Trainer, Spieler, Funktionäre ebenso wie Fans und Kritiker.

„RB Leipzig – Der moderne Fußball” ist ein Mix aus Vereinschronik und thematischem Sachbuch über die Rolle von RB Leipzig als Prototyp des modernen Fußballklubs. Zu Wort kommen Trainer, Spieler, Funktionäre ebenso wie Fans und Kritiker.

Timo Werner ist „der Schlüssel”

Julian Nagelsmann ist angetreten, um RB im Spiel mit dem Ball mehr Fähigkeiten zu vermitteln. Wie gelingt ihm das?
Er macht genau das, was er zu seinem Amtsantritt gesagt hat: Er möchte RB nicht seiner Stärke berauben. Aber um das noch erfolgreich zu machen, braucht man ab und zu eine Phase, in der man den Ball in den eigenen Reihen hat, einen Angriff vorbereitet und so weniger ausrechenbar wird. Das hat in der Hinrunde 2019/20 schon sehr gut geklappt. Da wurde phasenweise aus dem Aufbau heraus Tempo aufgenommen, Timo Werner wurde sehr oft in Situationen gebracht, in denen er Doppelpass spielen und hinter die Abwehr sprinten kann. Das ist sehr gut gelungen.

Durch riskantere Pässe ist der Spielaufbau bei RB Leipzig riskanter geworden.
Taktikexperte Tobias Escher

Was ist dabei entscheidend?
Dabei sehe ich einerseits Timo Werner als Schlüssel, der sich im Aufbau tief postiert, damit er eben Geschwindigkeit aufnehmen und hinter die Abwehr starten kann. Zum anderen ist Christopher Nkunku entscheidend, der mit seinen Pässen und seiner Positionierung die Abwehr aufreißt. Aber durch riskantere Pässe ist der Spielaufbau auch riskanter geworden. Das kannte man jahrelang gar nicht von Leipzig, dass es Gegentore nach Ballverlusten gab. Da haben sie den Gegnern deutlich mehr Chancen gestattet als unter Rangnick.

Ralph Hasenhüttl hatte 2017 schon einmal vor, mehr Ballbesitz in das Leipziger Spiel zu implementieren, was aber auch zu vielen Gegentoren führte. Wieso ist das damals nicht geglückt?
Erstens ist die Qualität der Spieler im Jahr 2020 deutlich besser als damals. Dazu hat sich Ralph Hasenhüttl sehr stark auf Dribblings fokussiert. Er hat den Ball auf die Außen spielen lassen und versucht, in Dribblings zu kommen. Das ist bei Nagelsmann ganz anders. Da steht das Kombinationsspiel stärker im Fokus. Nagelsmann nutzt auch im Ballbesitzspiel das Tempo von Spielern wie Werner sehr viel stärker aus, als es Hasenhüttl getan hat. Es ist ja genau die Idee des lockenden Ballbesitzspiels, gegen aufgerückte Gegner selbst in eine Temposituation zu kommen. Das schafft Nagelsmann sehr viel besser. Auch deswegen, weil er sich anpassungsfähig zeigt.

Inwiefern?
Man hat in Leipzig gerade zum Ende der Hinrunde relativ häufig eine 4-4-1-1-Formation gesehen. Das hat er bei Hoffenheim kein einziges Mal spielen lassen. Das war eher noch die von Rangnick bekannte 4-2-2-2-Grundformation, weil das in Leipzig stark verankert ist. Das war gerade gegen den Ball sehr ähnlich zu dem, was Ralf Rangnick hat spielen lassen. Wohl auch deswegen, weil er nicht so viele Innenverteidiger zur Verfügung hat und auch keinen klassischen Sechser. Weder Konrad Laimer, noch Kevin Kampl, noch Marcel Sabitzer sind eigentlich Spieler, die direkt vor der Abwehr agieren, sondern eher eine Linie weiter vorn. Nagelmanns bevorzugte Formation ist eher eine Ordnung mit Dreieraufbau im 3-4-2-1 oder 3-4-1-2.

Prinzipien von Julian Nagelsmann

Nagelsmann hat aktuell 27 Prinzipien seines Fußballs. Welche zum Beispiel?
Dazu zählt etwa das Zwei-Kontakt-Spiel, nicht mit dem ersten Kontakt weiterzuspielen, sondern mit dem zweiten. Oder: Der Pass, der auf ein Dribbling folgt, soll immer länger sein, als der Weg des Dribblings. Auf ein langes Dribbling muss also zwangsläufig eine Spielverlagerung folgen. Das sind die Pässe, wie man sie kennt: ein Spieler macht ein Tempodribbling und spielt flach an den zweiten Pfosten, wo zum Beispiel Timo Werner einläuft.

Anfangs der Saison war viel von lockendem Ballbesitz die Rede. Nagelsmann will dem Gegner das Gefühl geben, aus dem Abwehrverbund herausrücken zu können, um so Lücken zu reißen und zu verlagern.
Die Pässe sollen so gespielt werden, dass der Gegner meint, Zugriff zu bekommen, aber dennoch weit genug entfernt ist. Das nennt er Prinzip der minimalen Breite. Das bedeutet, dass sich etwa die Außenspieler nicht ganz außen anbieten, sondern ein Stück einrücken, sodass der Gegner glaubt, er kommt an den Ball und in eine vermeintliche Pressingsituation gelockt wird. Dann kann sofort weitergespielt werden, zum Beispiel in die Tiefe.

Leipzigs Leihspieler Angeliño, der von Manchester City kam, sagt, dass Guardiola und Nagelsmann ganz ähnliche Vorstellungen vom Fußball haben. Was eint und unterscheidet sie?
Gerade im Ballbesitz, was die Raumbesetzung angeht, gibt es viele verbindende Elemente. Nagelsmann geht noch einen Schritt weiter, weil es bei seinen Prinzipien sehr stark um das Lösen von Situationen geht. Nagelsmann ist diesbezüglich noch einen Tick restriktiver, weil er von seinen Spielern was genau sie in der jeweiligen Situation tun sollen. Interessanterweise ist Guardiola da weniger streng. Er sagt überspitzt: Wenn ihr die vorgegebenen Räume besetzt, könnt ihr im Prinzip machen, was ihr wollt, solange ihr auch mal einen Pass spielt. Dafür ist Nagelsmann im Denken flexibler, weil er das Ballbesitzspiel nicht so extrem denkt wie Guardiola.

Escher: „Trainerschule der wirklich bleibende Einfluss des Red-Bull-Fußballs”

Marco Rose konnte RB Leipzig mit seinen Teams Salzburg und Mönchengladbach schon diverse Male ärgern. Was macht seine Interpretation des ganzheitlichen Fußballs mit Pressing-DNA so speziell?
Roses Mannschaft in Salzburg war auch schon stark vom Ballbesitz getrieben, was auch daran liegt, dass das Team der österreichischen Liga entwachsen ist und zwangsläufig auch Ballbesitz braucht, um erfolgreich zu sein. In der Bundesliga agieren Roses Gladbacher nun noch wuchtiger als RB. Da geht es stärker um das Thema Angriffspressing. Leipzig presst nicht in der vordersten Angriffslinie, sondern etwas weiter hinten. Die Gladbacher pressen unter Rose überall auf dem Feld. Grundsätzlich haben beide die ähnliche Denke, dass sie sich ganzheitlich auf jede Phase des Spiels konzentrieren und sich nicht auf eine stark fokussieren.

In der Bundesliga sind aktuell sieben Trainer tätig, die direkt von Ralf Rangnick geprägt wurden. Welche Rolle spielt er als Vordenker für den deutschen Fußball?
Es ist eine eigene Trainerschule, die Red Bull da entwickelt hat. So sind viele Trainer überhaupt erst in die Bundesliga gekommen, weil sie in Leipzig oder Salzburg gelernt haben und dann ihre Wege weitergegangen sind. Das ist der wirklich bleibende Einfluss des Red-Bull-Fußballs, dass sie Trainer ausbilden, die ihre Philosophie auch in andere Vereine tragen.

Was zeichnet die Bundesliga im Vergleich mit den anderen vergleichbaren Ligen aktuell aus?
Es gibt diverse junge Trainer wie eben Nagelsmann, Rose, auch Florian Kohfeldt in Bremen, die versuchen, den Fußball ganzheitlicher zu denken. Und die Bundesliga ist immer noch geprägt von körperbetontem Pressing. Das unterscheidet sie von der spanischen Liga, die technischer ist und der italienischen, die etwas taktischer ist. (RBlive/ukr)

Informationen zum Buch:
Seiten: 224
Format: 17,0 × 24,0 cm
Hardcover
ISBN 9783730704233
Erscheinung: 1. Auflage, März 2020
Preis: 22 €