RB Leipzig

„Ich versuche, hier mehr Verwundbarkeit zu schaffen”: Wie Jesse Marsch eine neue Hierarchie bei RB Leipzig erschaffen will

Von (RBlive/ukr) 28.08.2021, 11:29
„Ich versuche, sie dazu zu bringen, mehr von sich selbst zu geben und sich auf einer höheren Ebene füreinander einzusetzen”: Jesse Alan Marsch über die Zusammenarbeit mit den Spielern von RB Leipzig.
„Ich versuche, sie dazu zu bringen, mehr von sich selbst zu geben und sich auf einer höheren Ebene füreinander einzusetzen”: Jesse Alan Marsch über die Zusammenarbeit mit den Spielern von RB Leipzig. imago images/foto2press

Jesse Marsch hatte Bauchschmerzen dabei, nach dem 4:0 gegen Stuttgart allein vor die Fankurve zu laufen und sich feiern zu lassen, wie es sein Vorgänger Julian Nagelsmann nach dem Viertelfinal-Einzug in der Champions League getan hatte. In einem sehr persönlichen und ausgesprochen lesenswerten Text des US-Journalisten Grant Wahl spricht Marsch bei einem Sieger-Bier im Restaurant Leo's Brasserie noch am selben Abend über den Zwiespalt. „Jedes Mal, wenn ich mich von der Gruppe trenne und Aufmerksamkeit für mich schaffe, gefährdet dies die Botschaft, die ich immer zu schaffen versuche, nämlich dass es die Gruppe ist, es ist das Team, es sind alle zusammen“, sagte er. „Allerdings haben sie mir ziemlich klar gemacht, dass ich raus muss.“

So nahm Marsch wenigstens das Maskottchen Bulli mit vor die Kurve. „Das habe ich noch nie gemacht, und das habe ich noch nie gesehen”, sagte er überwältigt.

Jesse Marsch: Spieler wurden „seit sechs, sieben Jahren nie wirklich nach ihrer Meinung gefragt”

Marsch erklärt in dem Text so emotional wie nie zuvor, wie er eine neue Kultur und Hierarchie bei RB Leipzig schaffen will. „Verletzlichkeit ist keine deutsche Eigenschaft, und ich versuche hier, mehr Verwundbarkeit zu schaffen“, sagte er. „Ich versuche, die Meinungen der Spieler mehr zu hören. Ich versuche, sie dazu zu bringen, mehr von sich selbst zu geben und sich auf einer höheren Ebene füreinander einzusetzen. Ich versuche in jeder Hinsicht zu sehen, wie sehr ich sie dazu bringen kann, total aneinander zu glauben”, führte Marsch aus. Das erfordere auch, dass er selbst verletzlich sei – ein starker Kontrast zu seinem Vorgänger. „Diese Vorstellung davon, was ein Trainer hier in Deutschland ist, hat immer auch mit Distanz zu den Spielern zu tun. Und vielleicht habe ich das sogar als Spieler durchgemacht. Aber jetzt möchte ich nicht Teil einer Beziehung in meinem Leben sein, in der ich das Gefühl habe, dass es eine Hierarchie gibt oder ich mich anders verhalten muss, als ich bin“, so Marsch.

Bei einem Gespräch mit dem Spielerrat während des Trainingslagers in Saalfelden etwa bemerkte der 47-Jährige: „Viele dieser Jungs sind seit sechs oder sieben Jahren in diesem Klub und wurden nie wirklich nach ihrer Meinung gefragt“, berichtete Marsch. „Also haben sie es zwei Stunden lang aufgesogen. Sie waren engagiert, sie wollten mehr geben. Sie wussten, dass es ein sicherer Raum war und dass das Ziel darin bestand, gemeinsame Ideen zu entwickeln, wie wir unsere Zusammenarbeit angehen würden.“

In den Medien kann man nicht sagen, dass wir die Bayern schlagen werden.

Jesse Marsch

Marsch, das ist schon nach wenigen Wochen zu spüren, ist mutiger, offener, nahbarer, offensiver, emotionaler, selbstbewusster und ehrlicher als das sonst im Trainergeschäft – beziehungsweise im Fußball-Business überhaupt – üblich ist. „Es ist ein bisschen rücksichtslose Hingabe, ein bisschen Arroganz, ein bisschen Selbstvertrauen und Mut und dann die Bereitschaft, alles zu tun“, erklärte sich Marsch. „Die Furchtlosigkeit, hier zu sein. Es ist eine andere Art, über Dinge zu sprechen, als die Deutschen darüber reden würden.“

Und somit hat er auch kein Problem damit, euphorisch anzukündigen, gegen Manchester City und Paris St. Germain Vollgas-Fußball spielen zu wollen und die weltbesten Teams aggressiv und offensiv zu fordern oder selbstbewusste Transferansagen zu machen. Marsch verleiht nicht nur den Spielern, sondern dem gesamten Klub mehr Offenheit.

„Der Ehrgeiz, der Beste zu sein, ist kein Grund zur Angst“, sagte er nach dem 4:0-Sieg gegen Stuttgart zu seinem Freund Grant Wahl. „Aber man kann hier in Deutschland nicht sagen, dass wir den Titel gewinnen wollen. In den Medien kann man nicht sagen, dass wir die Bayern schlagen werden, wir werden die Liga gewinnen. Doch ich meine: natürlich. Natürlich. Ich liebe dieses Team. Ich liebe diesen Verein. Ich bin hierher gekommen, um Titel zu gewinnen. Das ist mein Job, weißt du?“