Niederlage als Mutmacher Analyse: Was der Trainerwechsel gebracht hat
Am Ende steht das Aus im DFB-Pokal, doch RB Leipzig trat in Stuttgart nach dem Trainerwechsel in vielen Bereichen endlich wieder dominant auf. Eine Niederlage, die Mut für die Schlussphase in der Bundesliga macht. Die Analyse.

Stuttgart/Leipzig – Willi Orban brachte es im Untergeschoss des imposanten modernisierten Stuttgarter Stadions auf den Punkt. „Am Ende zählt das Ergebnis, gerade Halbfinals und Finals sind dazu da, um sie zu gewinnen, da zählen keine Expected Goals, du musst das Spiel gewinnen”, sagte der enttäuschte Kapitän.
Und dennoch machte das Auftreten von RB Leipzig beim 1:3-Halbfinal-Aus in Stuttgart Mut für die letzten sieben Bundesligaspiele. Interimstrainer Zsolt Löw änderte letztlich mehr, als er bei seiner Vorstellung angedeutet hatte.
Hoeneß: „4-2-2-2 ist schwierig zu verteidigen”
Grundordnung: Wie erwartet veränderte Löw die Grundformation und ließ im einst jahrelang bewährten 4-2-2-2-System spielen, das zuletzt unter Marco Rose jedoch so instabil interpretiert worden war, dass RB fast immer mit Dreier- beziehungsweise Fünferkette auftrat oder innerhalb des Spiels wieder zur defensiveren Formation zurückkehrte, weil die Viererkette nicht funktionierte.
In Stuttgart griff die Vierer-Abwehrformation mit Dreieraufbau, indem sich Nicolas Seiwald als Aufbauspieler im Ballbesitz zurückfallen ließ, sehr gut. Das Pressing war griffig, in der Abwehr ließ Leipzig aus dem Spiel heraus wenig zu, offensiv war RB wieder schwerer ausrechenbar. „Das 4-2-2-2 ist sehr schwer zu verteidigen, wenn es gut gespielt wird – und das haben die Leipziger heute getan”, zollte VfB-Trainer Sebastian Hoeneß. Lob der Gegner bekam RB zuletzt nur selten.
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Spielanlage: RB presste viel höher, hatte mehr Balleroberungen als die Stuttgarter und kam endlich mal wieder ins Umschalten, als Lois Openda mehrfach mit präziseren Bällen als zuletzt in die Tiefe geschickt wurde. Mit knapp 70 Prozent Ballbesitz hatten die Gäste enorme Dominanz, rannten sich aber am Stuttgarter Beton nicht die Köpfe ein, sondern kamen insgesamt zu 25 Abschlüssen, davon drei Großchancen. „Wir haben uns entschieden, mit Viererkette zu spielen und sehr aggressives Anlaufen und eine aggressive Herangehensweise gewählt”, sagte Löw. Zwar überschlug der VfB das RB-Pressing unerwartet häufig, doch die Leipziger meisterten die Situation gut und nutzten den entstandenen Raum nach Ballgewinnen für Umschaltaktionen.
Verunsicherung und Phlegma kaum noch zu sehen
Mut und Mentalität: Zsolt Löw scheute sich nicht, in diesem wichtigen Spiel und bei seiner Premiere als Cheftrainer den 19-jährigen Kosta Nedeljkovic erstmals von Beginn an zu bringen. Auch Rose ist ein Fan des feurigen Serben gewesen, traute sich aber nicht, kompromisslos auf den Winterzugang zu setzen. Doch Löw weiß, dass Nedeljkovic für die Viererkette genau der richtige Mann ist, weil er spritzig und agil verteidigt, Meter machen kann und vorn auf der rechten Seite flanken oder Vordermann Ridle Baku in Szene setzen kann. „Er war sehr aktiv und agil, durch seine junge Unbekümmertheit wollten wir der Mannschaft mehr Energie geben”, erklärte Löw. „Das ist uns gelungen, ich freue mich für den Jungen.” Der Mut des Trainers übertrug sich auch auf viele Spieler, von der Verunsicherung und dem Phlegma zuletzt war nicht mehr viel zu sehen.
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Reaktion auf Stuttgarts Taktikkniff: Sebastian Hoeneß ahnte die Rückkehr zum 4-2-2-2-System und stellte in Finn Jeltsch extra einen Spieler ab, der den Niederländer über den halben Platz verfolgte und ihm in Manndeckung auf den Füßen stand. Das mag Xavi nicht, doch dadurch taten sich auch Löcher für Lois Openda und Ridle Baku auf.
Löw forder Leistungssteigerung von Xavi Simons
„Die Schwierigkeit war die Höhe. Wenn wir hoch attackiert haben, sollte er durchdecken, wenn wir keinen Druck auf dem Ball hatten, macht es keinen Sinn, dann spielt der Gegner immer wieder hinter ihn”, erklärte Hoeneß Jeltschs Rolle als Sonderbewacher von Xavi. „Das haben wir in der Halbzeit angepasst, weil das nicht so stabil war, das haben die Leipziger auch gut gemacht.” Löw erwiderte: „Wir haben Xavi weniger ins Spiel bekommen, als wir uns das gewünscht haben, aber er hatte in großen Bereichen des Spielfeldes die Möglichkeit, sich einfach freizulaufen”, erklärte er. „Das ist ihm nicht gelungen. Wir arbeiten weiter daran, dass er seine Form kontinuierlich verbessert.”
Fazit: RB spielte grundsätzlich wieder wie ein RB-Team: aktiv, dominant und aggressiv. Zu bemängeln war die Chancenverwertung, insbesondere von Openda, aber auch von Baku und Benjamin Sesko. Fahrlässig ist der Umgang mit Flanken, von denen vor allem David Raum zu viele uninspiriert und ohne Köpfchen in den Sechzehner schlug. Insgesamt kamen nur vier der 25 Leipziger Flanken an – viel zu wenig. Problem sind weiterhin die Standards, sowohl offensiv als auch defensiv, wo es an Konsequenz fehlt. Doch generell hat Rasenballsport wieder den richtigen Weg eingeschlagen. „Wir haben viele Dinge deutlich besser gemacht als in den vergangenen Spielen”, befand auch Orban.
Löw: „Die Mannschaft hat auf uns gehört”
Und Löw resümmierte: „Wir sollten das richtig interpretieren. Engagement, Bereitschaft, unglaubliche Arbeit und Laufpensum haben sich heute nicht gelohnt, aber wir sind auf dem richtigen Weg, wenn wir einen Gegner wie Stuttgart statistisch dominieren.” Der Trainerwechsel hat spielerisch bereits kurzfristig gefruchtet und wird sich in den kommenden Partien noch auszahlen. „Die Mannschaft hat uns gut angenommen, auf uns gehört. Wir haben eine gute Kommunikation und Energie und versuchen, sie kontinuierlich mit Informationen zu versorgen, um einfach besser zu werden”, so Löw.